Alphabet der Heimatkunde

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zeichnis:

Sagentradierung

Aufschlussreiche und bemerkenswerte Ortschronik
von Gressenich 

Pax Romana

Bedeutung des Stolberger Wirtschaftsraumes
zu römischer Zeit 

Hemmoorer Eimer

Der Sagenkreis um Gression

Messing und Zwergengestalten

  

   

Quellenangeben sind kleingedruckt !!! 

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Bezüge zur römischen
Messingherstellung
in der lokalen Sagenlandschaft

Friedrich Holtz

Eingebettet in den Ausläufern der Eifelberge befinden sich im Süden Stolbergs Erzlagerstätten mit Zink- Blei- und Eisenerzen, die seit der Römerzeit für die Entwicklung der Region von entscheidender Bedeutung gewesen sind.  Insbesondere die Zinkerze, und hiervon wiederum hauptsächlich die des Galmei-Types, stellten über Jahrhunderte einen prägenden, entwicklungsbestimmenden Standortfaktor dar, denn besagter Galmei ist zur Herstellung von Messing bis zum frühen 18. Jahrhundert unbedingt erforderlich gewesen.
Holtz, F. Alphabet der Stolberger Heimatkunde.

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Galmei aus dem Steinbruch Bernardshammer, Stolberg

Zahlreiche Geschichten aus dem Bereich der Sagenüberlieferung lassen deutliche Bezüge zu frühgeschichtlichem, römerzeitlichem Erzbergbau mit entsprechender metallurgischen Nutzung (besagte Herstellung von Messing) erkennen. Zudem ist das archaische Verfahren des „Messingbrennens“ bis zum frühen 19. Jahrhundert mit vielen Rätseln behaftet gewesen und hat zeitweilig die Phantasie der Alchemisten nicht unerheblich beeinflusst.

Zunächst ist es kaum verwunderlich, dass von der römischen Messingherstellung zu jener Zeit viel und oft erzählt wurde, da dieses Gewerbe damals von hoher wirtschaftlicher Bedeutung war. Erstaunlich ist allerdings der Umstand, dass diese Geschichten bis in die jüngere Vergangenheit weiter tradiert worden sind. Denn in den damals vorherrschenden bäuerlich- dörflichen Bevölkerungsgruppen bildeten sich in aller Regel nur Sagenmotive aus, die thematische Bezüge zur charakteristischen Erlebniswelt der Dorfgemeinschaften hatten. 

Bei näherer Betrachtung jedoch ist, wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch gezeigt wird, das Überleben derartiger Motivelemente in der lokalen Sagentradierung sehr viel weniger überraschend, als man zunächst vermuten würde.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren uralte Sagen und Erzählungen von Zwergen und frühgeschichtlichen (römischen) Bergleuten (Hoffmann, H. (1914):  Nr. 236 –  481. sowie von einer untergegangenen Bergbaustadt  (Hoffmann, H. (1914) Nr. 78 – 250 — 400.)im kollektiven Bewusstsein der Region noch fest verankert und wurden als authentische sowie identifikationsstiftende Besonderheit wahrgenommen. 

Von Generation zu Generation waren Geschichten von Berg- und Hausgeistern, von sagenhaften Schätzen bis hin zum Sagengefüge der untergegangenen Stadt Gression  erzählt worden. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte buchstäblich jedes Kind von den uralten Geschichten gehört. 

Die Präsenz dieser Geschichten bei den damaligen Bewohnern der Region ist nicht zuletzt einem gewissen Heinrich Hoffmann zu verdanken. Hoffmann war Schulrektor in Düren und Verfasser bzw. Editor einer regionalen Sagensammlung, die unter Mitwirkung zahlreicher Koautoren 1914 als zweibändiges Werk unter dem Titel "Zur Volkskunde des Jülicher Landes" erschien.

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Zum Wesen der Sagentradierung (Überlieferung)

Der Archetyp der Sage im Allgemeinen wird als kurzes, wenig ausgeschmücktes Erzählgebilde charakterisiert, welches idealerweise in seiner mündlich tradierten Fassung vorliegt oder als möglichst unverfälschte Aufzeichnung derselben erhalten ist.

Obschon bei der Aufzeichnung und insbesondere bei der "Überarbeitung" des Sagengutes häufig ausschmückendes und/oder moralisierendes Beiwerk hinzugefügt wurde, lassen sich zu den meisten Sagenkomplexen schriftlich niedergelegte Versionen finden, welche den Originalfassungen weitgehend entsprechen. Dies ist insbesondere den Gebrüdern Grimm zu verdanken, die sich auch bei der Aufzeichnung von Sagen um Authentizität bemühten.

Ihrem Beispiel folgten viele und glücklicherweise widerstanden manche der Versuchung, aus den einfachen Ereignis- und Stimmungsberichten spannende bzw. unterhaltsame Geschichten zu machen. Für den Stolberger Raum wäre in diesem Zusammenhang die mustergültig zusammengestellte Sagensammlung von Hoffmann, H. (1914) zu nennen.

Die Kulturanthropologie betrachtet die Sagen, ähnlich wie die alten Mythen, als Verquickung von oftmals:

Insbesondere gegen Ende des 20. Jahrhunderts versuchte man, Sagen und Mythen zu rehabilitieren. Der Zusammenhang zwischen der Gedankenwelt von Sagen und Mythen einerseits, und der modernen Wissenschaft andrerseits wurde völlig neu interpretiert. Im Unterschied zur Wissenschaft haben Sagen und Mythen nach heute gängiger Meinung eine ganz andere Funktion und sollen mitnichten etwas über die physikalische Welt aussagen, sondern sollen lediglich in ihrer symbolhaften Bedeutung verstanden werden. Heilfurth, G. (1967) Seiten 24 – 44.

Die über Generationen fortwährende Sagentradierung wird u.a. durch den menschlichen Drang begründet, interessante bzw. außergewöhnliche Dinge zu erfahren und diese auch weiterzugeben. Insbesondere das Außerordentliche, das über die Alltäglichkeit sich erhebende, war prädestiniert, erzählt zu werden und dauerhaft in die Volkserinnerung einzugehen. Der Alltäglichkeit entrückt waren in ganz besonderer Weise Elemente und Aspekte des Übernatürlichen, die folglich auch in reichlichem Maße Teil der Sagentradierung gewesen sind. (Heilfurth, G. (1967) Seiten 24, 27) Sehr im Gegensatz zum Märchen, wurde die ganze Formenfülle der Sagen einschließlich der Elemente des Übernatürlichen mit einem gewissen Wahrheitsanspruch erzählt. (Heilfurth, G. (1967) Seiten 35, 39, 40)

Obgleich der Wahrheitsanspruch bei vielen Erzähldetails aus heutiger Sicht natürlich nicht akzeptiert werden kann, beinhalten die Sagen in vielen Fällen gewisse Faktizitäten, die sich entweder aus dem Gesamtzusammenhang ergeben oder auf der Ebene der geschilderten Stimmungslagen zu finden sind und Schlüsse auf damalige Sichtweisen bzw. Auffassungen zulassen. Nehmen wir als Beispiel nur einmal die Hexensagen, die im gesamten abendländischen Raum weit verbreitet gewesen sind. Bei diesem Sagenmotiv handelte es sich durchaus nicht um lediglich unterhaltsame Spukgeschichten, oft - viel zu oft - manifestierte sich der Wahrheitsanspruch auf schreckliche, grausame und brutalste Weise. Die historisch belegten Hexenprozesse, Hexenverbrennungen und Hexenverfolgungen, erreichten allerdings ausgerechnet zur humanistisch geprägten, frühen Neuzeit einen traurigen Kulminationspunkt. Angesichts dieser Hintergründe verbleibt auch heute nicht nur ein bitterer Beigeschmack, sondern eigentlich nur blankes Entsetzen.

Eingangs wurde bereits darauf hingewiesen, dass die uralten Sagen und Geschichten erstaunlicherweise viele Jahrhunderte überlebt haben. Des Rätsels Lösung verrät uns eine vergleichsweise noch junge Ortschronik aus Gressenich, einer bis 1972 eigenständigen Gemeinde und mittlerweile einer der Ortsteile von Stolberg.

  

Aufschlussreiche und bemerkenswerte Ortschronik
von Gressenich von Gressenich

Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit und Plausibilität der überlieferten Geschichten ergab sich vor gut 25 Jahren eine komplett andere Situation: Auf Grund eines streng etymologischen Ansatzes erschienen die besagten Hinweise auf die Zeit der Römer sehr viel wahrscheinlicher, wenn nicht gar einsichtig und plausibel. Der aus Gressenich stammende, renommierte Altphilologe und Studienrat Dr. Willi Frentz nahm 1992 Bezug auf eine Schenkungsurkunde vom 26. März 842 und publizierte zum 1150jährigen Ortsjubiläum eine Ortschronik mit dem Titel „842 Grasciniacum – 1992 Gressenich“.

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Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde von 842,
unterzeichnet von Ludwig dem Deutschen.

Aus besagter Urkunde vom 6. März 842 geht hervor, dass König Ludwig II. dem Kloster Inda (das heutige Kornelimünster) die „villa Crasciniacum“ zum Geschenk machte. Bei Ludwig II., der auch Ludwig der Deutsche genannt wird, handelt es sich um einen Enkel Karls des Großen, dessen Sohn Ludwig der Fromme in den Jahren 814-817 die Gründung des Klosters vollzogen hatte. Die villa Crasciniacum (später Gressenich genannt) hat man sich als eines der zahlreichen Königsgüter vorzustellen, deren Erträge dem Unterhalt des fränkischen Königs und seines Gefolges dienten. Als äußerst bemerkenswert muss der Umstand gelten, dass dieses Schriftstück nicht nur die Existenz eines Ortes bzw. einer Person belegt, sondern deutliche Hinweise auf die Bedeutung des hiesigen Wirtschaftsraumes im frühen Mittelalter und zu frühgeschichtlicher Zeit impliziert.

Bei näherer Betrachtung des Namens Gressenich gewinnen die besagten Hinweise auf die Zeit der Römer ganz erheblich an Glaubwürdigkeit und Seriosität. Die Etymologie dieses Ortsnamens lässt deutlich erkennen, dass es sich bei dieser Örtlichkeit ursprünglich um eine römische Villa rustica (Hofgut) gehandelt hat.

 

Pax Romana

Fernerhin sollte man etwas anderes auch nicht vergessen. Gleichgültig ob das Imperium Romanum nun als Schutzmacht oder als Besatzungsmacht anzusehen war, die Zeit des römischen Reiches brachte in Europa und natürlich auch für die damaligen Messingmacher der Voreifel eine langandauernde Epoche stabiler und friedlicher Verhältnisse (Römischer Friede Pax, Romana).

Nicht nur dass sich unter diesen Rahmenbedingungen Handel und Wandel bestens entwickeln konnten, nein, auch die nicht-römische Bevölkerung hatte sich größtenteils mit den Römern arrangiert und wusste durchaus auch die Vorteile eines wohlgeordneten Staatswesens zu schätzen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Glanz dieser Zeit hinüberstrahlte auf nachfolgende, weniger ruhige Epochen, und dass dieser Wohlstand als teilweise überzeichnete Überlieferung in den Erzählungen weiterlebte. In Erinnerung an bessere Tage wurde aus dem zweifelsfrei vorhandenen Wohlstand der damaligen Wirtschaftsregion märchenhafter Reichtum, der mit der Sagenstadt Gression unwiederbringlich untergegangen war.

Diese Ortschaft überdauerte in Siedlungskontinuität die Völkerwanderung und wurde nicht von den Franken, wie so vieles andere, aufgegeben (Wüstung) (Frentz, W. (1992) Seite 10.) Dies gilt für alle Orte des Rheinlandes deren ursprüngliche Namensform auf „iacum“ endete.Diese Schlusssilben wurden in der Sprechweise der fränkischen Einwanderer zu „-ich“ verschliffen. Das Toponym Crasciniacum (heutiges Gressenich) bedeutet also nichts anderes als: Das Landgut (Villa rustica) des Gratinius. Ob dieser Mann ein eingewanderter Römer oder ein einheimischer Kelte war, ist heute nicht mehr auszumachen.

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Villa rustica mit Jupiter-Säule im Bereich Stolberg-Atsch, Rekonstruktionszeichnung: H. Albrecht

Mit anderen Worten: Die Ortschaft Gressenich ist seit vorrömischer Zeit bis heute ununterbrochen besiedelt gewesen; teils von den hier ursprünglich ansässigen Kelten, von nicht abgewanderten Römern und von den eingedrungenen Franken. Zumindest die beiden erstgenannten Bevölkerungsgruppen konnten sich somit an die Zeit der römischen Wirtschaftsaktivitäten noch gut erinnern und somit auch davon erzählen.

Die Aussage von Frentz, besagter Gratinius sei römischer oder keltischer Abstammung gewesen, ist zwar nicht ganz stimmig, geht aber durchaus in die richtige Richtung und findet in gewisser Weise eine indirekte Bestätigung. Wie neuere Recherchen zeigen, ist dieser Gratinius nämlich ein eingebürgerter Ubier (Germane) gewesen, dessen Name sowohl als Zivilperson und auch als Militärangehöriger genannt wird. Weisgerber J. L. (1955), Seite 82.

  

Bedeutung des Stolberger Wirtschaftsraumes
zu römischer Zeit

In gewisser Weise ist der eingebürgerte Ubier ein untrügliches Indiz für die Attraktivität des hiesigen Wirtschaftsraumes. Aber auch schriftliche Quellen aus der römischen Kaiserzeit berichten von einer bedeutenden Messingherstellung in den germanischen Provinzen.

In diesem Zusammenhang ist insbesondere Plinius (Gaius Plinius Secundus der Jüngere) zu nennen, der in seiner "Naturalis historia" berichtet, Galmei sei dem Vernehmen nach kürzlich auch in der Provinz Germanien gefunden worden (...ferunt nuper etiam in Germania provincia repertum). Frentz, W. u. Holtz, F. (1995), Seiten 194 – 200.

Hieraus geht implizit hervor, dass den Römern die Herstellung von Messing bekannt gewesen sein muss, denn Galmei (ein Zinkerz) ließ sich sich zu anderen Zwecken nicht verwenden. Diese Legierung war zur damaligen Zeit ganz sicher kein banales Gebrauchsmetall, sondern genoss eine hohe Wertschätzung. Der Materialwert des Messings überstieg den Kupferpreis um ein Mehrfaches und die hieraus gefertigten Gerätschaften zählten offensichtlich zu den Gütern des gehobenen Bedarfs.

Aus diesem Grund hatten römische Metallprovinzen, und hier wiederum die Messingfabrikation, eine große wirtschaftliche Bedeutung. Mittlerweile gilt römischer Galmeiabbau sowie römische Messingherstellung auch für den Großraum Stolberg als sicher belegt. Gerlach, R. u. Olbrechts G. (1992) Seiten 58-60

In diesem Zusammenhang spielte der sogenannte Hemmoorer Eimer eine besondere Rolle.

   

Hemmoorer Eimer

Dieser aus Messing hergestellte, dünnwandige und glockenförmige Gefäßtyp römischer Herkunft ist nach einem Fundort bei Cuxhaven Hemmoorer Eimer benannt. Bei diesem Fundort handelte es sich um ein Gräberfeld, das um die Jahrhundertwende archäologisch erschlossen wurde, wobei man eine Vielzahl römischer Messing- u. Bronze-Gefäße fand.

Obwohl die hier geborgenen Messinggefäße letztendlich als Bestattungsurnen Verwendung fanden, wird angenommen, dass sie ursprünglich als Hausrat, vorwiegend zum festtäglichen Gebrauch bestimmt waren (bspw. als Karaffe zur Darbietung edler Weine). Häufig waren die Hemmoorer Eimer am oberen Rand mit einem umlaufenden, figuralen Relief-Fries versehen, welcher gelegentlich mit Silbertauschierungen (eingehämmertes Silber) und Emaileinlagen verziert war, wodurch Attraktivität u. Wert dieser Prunkgefäße noch gesteigert wurden. Der Hemmoorer Eimer hat bezüglich des gestalterischen bzw. künstlerischen Anspruchs damals nur relativ geringe Wertschätzung erfahren. Dieser Gefäßtyp war gewissermaßen ein Massenfabrikat, dessen Wert nicht durch edles Design, sondern lediglich durch den Metallpreis bestimmt wurde.

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Hemmorer Eimer,
Niedersächsisches Landesmuseum

Trotz der ungewöhnlich weiten geographischen Verbreitung der aus Messing gefertigten Hemmoorer Eimer (Fundpunkte vom Donauraum bis ins südliche Skandinavien) Mathar, L. und Voigt, A. (1956) Seiten 49-50 zeigen alle gefundenen Exemplare dieses Gefäßtypes (im Gegensatz zu den aus gleicher Epoche stammenden Bronzeeimern) eine auffällige Ähnlichkeit von Form, Stil und Ausführung, was eigentlich nur unter der Annahme einer zentralen Produktion mit hohem fertigungstechnischen Standard vernünftig erklärbar wird. Die geographische Lage dieser zentralen Fertigung muss aus transport-logistischen Gründen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bereich von damals bereits bekannten Galmei-Lagerstätten angenommen werden.

Als Herkunftsregion für diese Gefäße, zumindest aber für die zu deren Herstellung verwendete Messinglegierung, kommt u.a. das Gebiet um Breinig, Mausbach, Gressenich in Frage. Allerdings erheben auch andere Regionen in Deutschland (z.B. Wiesloch bei Heidelberg) mit gleichem Recht den Anspruch, Fertigungsort der Hemmoorer Eimer gewesen zu sein.

Letztlich spielt es aber auch kam eine Rolle, ob es tatsächlich eine zentrale Fertigung gegeben und wo sich diese Produktionsstätte befunden hat, denn das Erscheinungsbild dieser Prunkgefäße zeigt in eindrucksvoller Weise die Verwendung des Messings als Grundstoff zur Herstellung von Luxusgütern aller Art.

  

Der Sagenkreis um Gression

Die Bedeutung des Stolberger Wirtschaftsraumes zur römischen Kaiserzeit findet deutlichen Ausdruck in den tradierten Erzählungen von der Sagenstadt Gression. Besagtes Gression soll eine bedeutende Stadt gewesen sein, die in der Gegend von oder um Gressenich herum gelegen haben soll und auf Grund ihres sagenhaften Reichtums weit bekannt war. Hoffmann(1914) Nr. 233

Die Sage um die Stadt Gression hatte ein weites Verbreitungsgebiet innerhalb des Großraumes Aachen - Köln, ist jedoch im Überlieferungsbestand der einzelnen Ortschaften nur fragmenthaft erhalten geblieben. Ein wesentlich geschlosseneres Bild ergibt sich dann, wenn man die unterschiedlichen Restbestände aus den einzelnen Lokalbereichen zusammenfasst:

Gression soll in uralter Zeit eine so gewaltige Stadt gewesen sein, dass sie mit keiner anderen verglichen werden konnte. Die meisten Varianten der Sage geben den Durchmesser der Stadt Gression mit sieben Stunden an, wobei es allerdings auch Versionen gibt, die den Durchmesser mit zwei Stunden u. wiederum andere, die den Umfang mit hundert Stunden angeben wollen. Bezüglich der geographischen Erstreckung berichtet die Sage über den Raum Aachen, Köln, Düren, Jülich. Andere Versionen wiederum verlegen die Stadt Gression in den engeren Bereich Kornelimünster, Gressenich, Düren, Jülich, wobei der letztere, etwas enger gefasste Bereich noch um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert auch dem Verbreitungsgebiet der Sage entsprach.

Die Sage weiß von einem bedeutenden Bergbau in der Stadt Gression zu berichten. Durch den Abbau ergiebiger Erzlagerstätten soll großer Reichtum in die Stadt geflossen sein. Dies verleitete die Bewohner zu Üppigkeit, Verschwendungssucht u. Lasterhaftigkeit, was den Zorn Gottes herausforderte. Die Stadt soll daher mit völliger Vernichtung bestraft worden und durch ein schreckliches Schicksal untergegangen sein.

Der Untergang der Stadt Gression wird mit dem Verschwinden der Römer zu Anfang der Völkerwanderung in Verbindung gebracht. Während eine Motivvariante von einer Zerstörung durch fremde Kriegshorden zu berichten weiß, erzählt eine andere Version, die Stadt sei einer gewaltigen Flutwelle zum Opfer gefallen.

Häufig war auch die Rede davon, die Stadt sei von der Erde verschluckt worden und tief im Boden versunken. In diesem Zusammenhang berichtet die Sage u.a. von Glockengeläut, welches aus den Tiefen der Erde herauf klingen und vornehmlich an hohen kirchlichen Feiertagen zu hören gewesen sein soll.

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Sandmassen zwischen Heistern und Langerwehe lassen an eine untergegangene Stadt denken, Foto: F. Holtz.

Die Sage bezieht sich auch auf Geländebefunde, welche die Inhalte der Sage glaubhaft erscheinen lassen sollen. So werden für die frühere Existenz u. insbesondere für die spätere Zerstörung weit gestreute Bodenfunde römischer Fundamente und Ziegel ins Feld geführt. Im Stein eingebettete Muscheln (wahrscheinlich sind hier Brachiopoden gemeint) sowie Sand- bzw. Geröllschichten im Bereich von Langerwehe und Lucherberg galten in der Sage als Indiz für eine gewaltige Flutwelle. Die Sage berichtet auch über Glockengeläut, welches aus den Tiefen der Erde heraufklingen, vornehmlich an hohen kirchlichen Feiertagen zu hören und von den Glocken der untergegangenen Stadt stammen soll.

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Fundamente der keltischen bzw. römischen Tempelanlage Varnenum Foto: F. Holtz.

   

Messing und Zwergengestalten

Eine für unsere Betrachtung aufschlussreiche „Zwergengattung“ sind auch die Killewittchen, die kurz bei Stolberg gehaust haben sollen. Ähnlich wie bei Crasciniacum ist auch hier ein Bezug zu den tradierten Sagen überdeutlich.

Die Wortsilbe „Kille“ in Killewittchen leitet sich nämlich ab von dem keltischen Wortstamm 'cill', womit Höhlen, insbesondere auch Erdhöhlen gemeint sind. Der gleiche etymologische Zusammenhang gilt auch für die im rheinischen Raum gebräuchlichen Begriffe wie Kuhle, Kaule, Kull, die sich allesamt auf Schürfstellen jeglicher Art u nd. insbesondere auch auf Steinbrüche beziehen. Kasig, W. (1980) Seite 145

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Kalkspatkristalle, Sammlung F. Holtz, Foto H. Wotruba

Kurz vor ihrem Verschwinden hätten sie, so weiß die Sage zu berichten, lange Zeit in der Erde gewühlt, ihre reichen Schätze in Säcke verpackt und mit auf die Reise genommen. Nun gibt es tatsächlich genau dort, wo die Killewittchen gehaust haben sollen, spektakuläre Kalkspatbildungen. Ob Kalksinter, Tropfsteine, Tropfleisten oder Kalkspatkristalle, diese Bildungen sind allesamt von wirklich hervorragender, modellhafter Erscheinungsform. Man könnte also durchaus vermuten, dass es sich hierbei um die besagten Zwergenschätze handelt.

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Zwerg beim Schleppen eines Edelsteines,
Zeichnung nach Bersch, W. (1898)
   

Aus einem ganz einfachen Grund scheiden die Kalkspatkristalle als Zwergenschätze jedoch aus, denn Kalkspat ist längst nicht so wertvoll, als dass man ihn als Kleinod hätte bezeichnen können. Der eigentliche Schatz war das Wissen um Galmei und Messing, welches damals tatsächlich so wertvoll wie ein kostbarer Schatz gewesen ist. Denn nach dem Fortgang der Römer hat es in der Tat bis zum hohen Mittelalter, also einige Jahrhunderte gedauert, bis man in unserer Gegend wieder Messing herstellen konnte.

   

  

Literatur und Quellen

Frentz, W. (1992): 842 Crasciniacum - 1992 Gressenich, eine Ortschronik.- Hrsg. Gressenicher Ortsvereine

Frentz, W. u. Holtz, F. (1995): Die Anfänge des Erzabbaus im Stolberger Raum und ein Zitat des römischen Naturhistorikers Plinius, in: Eifeljahrbuch 1995.

GERLACH, R. und OLBRECHTS, S.(1992): Römische Messingindustrie am Eifelnordrand, in: Archäologie im Rheinland, Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege. 

Heilfurth, G. (1967): Bergbau und Bergmann in der deutschsprachigen Sagenüberlieferung Mitteleuropas, Marburg. Veröffentlichung des Instituts für mitteleuropäische Volksforschung an der PHILIPPS-Universität, Marburg

Hoffmann H. (1914): Zur Volkskunde des Jülicher Landes, zweiter Teil: Sagen aus dem Indegebiet. (Die einzelnen, in sich abgeschlossenen Schilderungen der tradierten Geschehnisse und Stimmungslagen sind nach der geographischen Lage ihrer Handlungsorte nummeriert).

Mathar, L. und Voigt, A. (1956): Über die Entstehung der Metall-industrie im Bereich der Erzvorkommen zwischen Dinant und Stolberg. - Schriftenreihe der O. Junker GmbH, Lammersdorf.

Kasig, W. (1980): Zur Geologie des Aachener Unterkarbons (Linksrheinisches Schiefergebirge, Deutschland) - Stratigraphie, Sedimentologie und Paläogeographie des Aachener Kohlenkalks und seine Bedeutung für die Entwicklung der Kulturlandschaft im Aachener Raum. - Habilitationsschrift TH Aachen, Aachen.

Weisgerber J. L. (1955): Die Namen der Ubier, Wissenschaftliche Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen.


 
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